Mein Getrübtes Sehnen - Blick in die Ferne

Rebekka Lieb

Immer, wenn ich tot bin, geh ich raus…

Lebenslauf

Rebekka Lieb, 1986 in Sindelfingen geboren, wuchs in Weil der Stadt auf, wo sie auch die Grund- und später die Realschule besuchte. Im Anschluss machte sie das Abitur an der Hedwig Dohm Schule Stuttgart. In dieser Zeit knüpfte sie durch den Besuch der Schreibwerkstatt Kontakt zum dortigen Literaturhaus. Sie gewann mit dem Abitur den Scheffel-Preis 2006 und wurde Mitglied der Deutschen Literarischen Gesellschaft. Im selben Jahr begann sie in Karlsruhe Germanistik und angewandte Kulturwissenschaft zu studieren und lernte dadurch Katharina Seffner kennen. Rebekka Lieb brach das Studium nach zwei Semestern ab und begann eine Ausbildung zur Buchhändlerin in Stuttgart.

Kontakt: Mail an Rebekka Lieb

Weitere Projekte:  


Tawabil Oriental
daedalous.com
robin-rosenberger.de
Sultan und Habibi

In eigener Sache...

Man sieht diese Szene hin und wieder in ähnlicher Form in Comics: Der Held schläft und träumt von einem besonders großen Leckerbissen, den er genüsslich verspeist. Als er aufwacht, muss er feststellen, dass er während des Traumes seine eigene Decke gegessen hat.

Dies hat mit unserem Gedichtband gerade mal so viel zu tun, wie Dalí mit vollkommener psychischer Gesundheit. Warum erwähne ich es also? Um ehrlich zu sein tue ich das nur, da ich keinen anderen Einstieg fand, als diesen netten Vergleich: Einen Gedichtband zu erstellen war nämlich seit Jahren schon mein Traum. Und nun wache ich auf und stelle fest, dass ich hier tatsächlich ein eigenes Buch in Händen halte. Wie kam das nur?

Irgendwann möchte man nicht mehr träumen. In meiner Realität gab es zwei Gründe, die mich dazu bewegten, den letzten Schritt endlich zu gehen.

Der eine Grund ist zweifellos Katharina Seffner, deren Gedichte mich seit dem ersten Lesen faszinieren und die man einfach nicht unveröffentlicht lassen darf. Weitere Schwärmereien erspare ich mir an dieser Stelle und lege dem geneigten Leser nahe, selbst herauszufinden, woher meine Begeisterung rührt.

Der zweite Grund geht auf die beinahe unerwartet positiven Reaktionen meiner Mitmenschen zurück. Einige haben bereits Kostproben von mir gelesen und ich fand die meisten lächelnd, nachdenklich, begeistert. Es freut mich unsagbar, wenn meine Werke schon zu Lebzeiten die Herzen der Menschen erreichen können, es bestätigt mich in meinem Schaffen. Und es bekräftigt mich in meiner Meinung, dass die Dichtkunst sich für die Menschen künftig ein wenig weiter vom vollkommen isolierten Individuum weg bewegen muss. Sie muss wieder zugänglich werden, die Leute möchten sich wieder mit dem Geschriebenen identifizieren können, das zu Lesende muss Emotionen hervorrufen können, der Leser muss Verbindungen, Assoziationen knüpfen können. Das alles ist möglich durch Schilderungen individueller Momente oder Wahrnehmungen, aber wichtig ist eben wie man sie schildert.

Warum verschlüssle ich als moderner Dichter meine Botschaft und erwarte, dass der Leser sich erst mal fünf Jahre lang mit meinem Leben und Schaffen auseinandersetzt, bevor er verstehen kann, was ich da überhaupt geschrieben habe? Wer hat etwas davon? Er meist nicht und ich sicher auch nicht, denn in meinen Augen ist es unbefriedigend, Dinge zu schreiben, von denen ich im schlimmsten Fall ein paar Jahre später selbst nicht mehr weiß, worum sie sich drehen.

Viele Leute bekommen durch den nun schon Jahre andauernden Vormarsch der zumeist reimlosen und oft sehr verwirrenden Dichtung den Eindruck, dass Lyrik ihnen einfach zu hoch sei, dass sie mit Gedichten einfach nichts anfangen könnten; sie legen den Gedichtband weg und wenden sich den Romanen zu. Aber noch nie hätte sich ein Mensch eines Kästner-Gedichtes entwehrt und behauptet, dieses nicht verstanden zu haben. Nie würde jemand nach der Lektüre seiner Gedichte voll Unverständnis dreinschauen und nie wieder Gedichte lesen wollen. Warum? Weil dieser Mann es schaffte lustig, unterhaltsam, kritisch zu schreiben, aber immer so, dass die Menschen es verstehen können. Das ist die Kunst. Das Vereinbaren des eigenen Ich mit dem Rest der Welt. Ein Konzept, das unter anderem auch die von mir sehr verehrte Mascha Kaléko verfolgt hat.

Seit dem 19.Jahrhundert wird die Lyrik als die "Gattung der Subjektivität" beschrieben, man grenzt sie unter anderem darum von den anderen beiden großen Gattungen Drama und Epik ab. Wir Dichter sind ein egozentrisches Völkchen. So leid es uns tut, wir können nicht anders, das ist der Fluch unserer Geschlechts.

Ich schreibe in erster Linie für mich, weil ich solch ein rücksichtsloser Dichter bin. Aber meine Gedichte würden mir nicht zur Güte reichen, wenn ich sie nicht in zweiter Linie für die Menschen schriebe.